Interview mit Martin Motnik [01/2005]
Ein neues DARKSEED-Album stand ja längere Zeit auf
der Kippe, die Band hatte mit einigen Besetzungswechseln zu
kämpfen und der unfreiwillige Weggang von Sänger Stefan
Hetrich war fast schon der Todesstoß für eine der besten
Gothic-Metal-Bands in ganz Europa. Doch zum Glück kam alles
anders. Stefan kehrte nach kurzer Pause wieder zur Band
zurück, diese wiederum konzentrierte sich wieder mehr auf's
Wesentliche, sprich ordentliche Rocksongs ohne große
Spielereien zu schreiben und mit "Ultimate Darkness" meldet
sich die Band nun dieser Tage wieder eindrucksvoll zurück.
Bassist Martin Motnik bezieht
Stellung:
Björn:
Hallo, alles klar bei
euch?
Martin:
Danke, uns geht's prima! Nach
der stressigen Studiozeit tut etwas Tageslicht wieder ganz
gut!
Björn:
Wie fühlt man sich denn an dem
Tag, an dem das neue Album herauskommt?
Martin:
Wir sind stolz, eine neue Scheibe
auf den Markt gebracht zu haben, von der wir außerdem finden,
dass es die beste CD ist, die DARKSEED je produziert hat.
Andererseits sind wir auch ein wenig nervös, wie die
Reaktionen unserer Fans ausfallen werden. Nachdem wir aber
schon einige sehr gute Vorab-Reviews bekommen haben, sind wir
inzwischen recht zuversichtlich, dass die CD gut ankommen
wird.
Björn:
Rechnet man euer Mini-Album
"Romantic Tales" mit, dann ist "Ultimate Darkness" ja schon
eure siebte Scheibe. Eine stattliche Zahl für eine Band, die
immer als großartige Nachwuchshoffnung betrachtet wurde, aber
nie so richtig den Durchbruch geschafft hat, findest du
nicht?
Martin:
Wir sind eigentlich sehr
zufrieden mit unserer Fanbasis, die sich über die ganze Welt
verstreut, wie wir immer wieder im Forum unserer Webseite
sehen können. Unsere Fans sind sehr treu und auch der
Hauptgrund, weiterhin neue CDs zu produzieren. Unser Ziel war
es nie, bei "Top Of The Pops" aufzutreten, aber in unserem
Genre ist DARKSEED ein etablierter Name, was uns sehr stolz
macht. Der direkte Kontakt zu unseren Fans ist uns auch
wichtiger als goldene LPs.
Björn:
Was ich mit
der letzten Frage meinte, ist: In der Zeit, in der solche
Bands wie MOONSPELL, SENTENCED und LACUNA COIL, die ja
stilistisch allesamt gar nicht sooo weit von euch entfernt
sind, richtig durchgestartet sind, seid ihr erfolgstechnisch
trotz starker Alben zurückgeblieben. Warum ist das denn
eigentlich so gewesen?
Martin:
Ja, wenn wir
DAS wüssten?! (lacht) Aber im Ernst, für einen
durchschlagenden Erfolg müssen so viele glückliche Umstände
zusammenkommen, und auch der Zufall spielt häufig eine
wichtige Rolle. Eine gute CD zu produzieren, ist notwendig,
aber nicht unbedingt ausreichend, und viele Erfolgsfaktoren
hast du als Band nicht selbst in der Hand. Wir finden den
bisherigen Erfolg aber durchaus beachtenswert, wenn man
bedenkt, dass DARKSEED wie so viele als Hobbyband angefangen
hat.
Björn:
Habt ihr denn damals auch auf den
Durchbruch spekuliert?
Martin:
Natürlich hat
jeder, der Musik in einer Band macht, den Traum, Rockstar zu
werden! Aber wir sind eigentlich nur unserem Instinkt gefolgt
und haben versucht, unsere eigene Musik zu machen und
weiterzuentwickeln. Ich glaube, inzwischen haben wir einen
eigenen DARKSEED-Stil entwickelt, der unseren Fans gefällt.
Björn:
Was hat euch denn von den oben
angeführten Bands unterschieden?
Martin:
Dass
wir DARKSEED sind und die
nicht.
Björn:
Würdest du denn unterstreichen,
dass es als deutsche Band im eigenen Lande besonders schwer
ist?
Martin:
Das ist natürlich ein gerne
gebrauchtes Argument, von wegen "Der Prophet zählt nichts im
eigenen Land". Aber auch Bands aus anderen Ländern mussten
sich ja zuerst in ihrem eigenen Land etablieren, bevor der
internationale Erfolg kam. Dementsprechend konkurrierst du als
deutsche Band in Deutschland mit internationalen Acts, die
teilweise über ein größeres Budget und mehr Manpower im
Hintergrund verfügen, einfach weil das eine größere Nummer
ist.
Björn:
Trotzdem haben eure Alben ja
immer sehr gute Kritiken bekommen. Ärgert man sich da nicht,
wenn andere die Erfolge einsammeln (und im Falle von Bands wie
MOONSPELL und PARADISE LOST auch nur mäßige Alben auf den
Markt bringen), während DARKSEED nur ein Thema für
eingeschworene Fans bleiben?
Martin:
Nein,
denn andere Bands profitieren ja nicht von unserer Musik,
sondern von ihrer eigenen, auch wenn die Kritiken manchmal was
Anderes sagen als die Fans. Dass andere Bands mehr verkaufen,
zeigt ja nur, dass der Markt groß ist und wir noch mehr Leute
erreichen könnten. Das spornt uns eher an,
weiterzumachen!
Björn:
Gute Kritiken - gut,
euer letztes Album "Astral Adventures" ist ja stellenweise
auch kritisiert worden. Außerdem hat es auch einige Änderungen
im Line-Up zu dieser Zeit gegeben. Was genau ist das
passiert?
Martin:
Wir hatten in der
Vergangenheit ja häufig schon verschiedene Line-Up-Wechsel,
und zu den Zeiten der "Astral Adventures" bestand die Band
eigentlich nur aus drei Leuten. Viele Leute haben gesagt, das
wäre das Ende von DARKSEED, weil Stefan dann auch noch aus
beruflichen Gründen DARKSEED verlassen musste und wegzog. Tom
und Tommy, die beiden verbliebenen Gitarristen, wollten die
Band aber nicht aufgeben und haben eine komplette Band
zusammengetrommelt, mit der wir die CD live promotet haben.
Nach anderthalb Jahren kehrte Stefan dann wieder zurück, und
in der neuen Besetzung, mit einer neuen Distanz und frischen
Ideen entstand die neue CD "Ultimate
Darkness".
Björn:
Ihr habt zu der Zeit auch
vermehrt mit elektronischen Sounds experimentiert, sehr zum
Missfallen eurer Fans der ersten Stunde. Was kannst du mir
rückblickend über diese Erfahrungen
sagen?
Martin:
Immer, wenn du dich
weiterentwickelst, triffst du Menschen, die mit deiner
Entwicklung nicht konform gehen. Manchen Leuten hat der alte,
raue Sound der ersten Platten besser gefallen, aber sehr
vielen gefällt der neue Stil, weil die Musik vielfältiger und
interessanter gestaltet werden kann. Die neuen
Soundmöglichkeiten durch Computer sind ein Teil der
Veränderungen in der Welt, die wir wahrnehmen, und das wollen
wir auch in unserer Musik widerspiegeln. Deshalb integrieren
wir inzwischen mehr Elektronik in unsere Musik. Uns gibt das
die Möglichkeit, variantenreicher unsere Themen darzustellen
und die Texte entsprechend zu
unterstützen.
Björn:
Kannst du denn die
Reaktionen einiger Fans
verstehen?
Martin:
Sicher, wer den alten Stil
einfach lieber gemocht hat und den Elektrosounds nicht viel
abgewinnen kann, wird bestimmt enttäuscht gewesen sein über
unseren jetzigen Stil. Aber zum Glück ist Musik ja nicht
vergänglich und so kann sich jeder die alten Platten auch
heute noch anhören - was ich übrigens auch gerne
mache!
Björn:
Und wie bewertest du "Astral
Adventures" aus heutiger Sicht?
Martin:
Ich
denke, "Astral Adventures" war eine CD, die eine Veränderung
bei DARKSEED eingeläutet hat und die dafür gesorgt hat, die
Band mit etwas Distanz neu zu sortieren. Die Auszeit von
Stefan hat ihm die Gelegenheit gegeben, das Ganze mal mit
Abstand zu betrachten. Währenddessen hat sich mit den neuen
Instrumentalisten das wohl beste Line-Up formiert, das
DARKSEED je hatte, was sowohl musikalisch als auch spielerisch
der Band eine ganz neue Qualität
gibt.
Björn:
Wie sieht es denn mit anderen
älteren Releases aus? Gibt es da irgendeine Scheibe oder
generell irgendetwas, was dir heute nicht mehr so
gefällt?
Martin:
Nun gut, wenn man sich die
Produktionen heute anhört, findet man natürlich immer Sachen,
die man heute verbessern würde, sei es spielerisch, textlich,
vom Sound oder vom Design. Aber jede CD für sich betrachtet
war in ihrer Zeit das Beste, was wir machen konnten, und
insofern sind wir auf jede Produktion stolz. Es ist eben wie
eine Momentaufnahme von der jeweiligen Zeit, was man einfach
so hinnehmen sollte; wie Fotos aus alten
Zeiten.
Björn:
Stefan Hertrich hat sich, wie
eben schon angeschnitten, nach der letzten Scheibe eine
kreative Pause gegönnt. War er eigentlich komplett
ausgestiegen, oder war klar, dass er eines Tages zurückkehren
würde?
Martin:
Zu der Zeit, als Stefan seinen
Wegzug angekündigt hat, war es eigentlich ein Abschied auf
Dauer von DARKSEED. Immerhin ist er rund 300 km weggezogen,
was eine vernünftige weitere Zusammenarbeit nicht ermöglicht
hätte. Als Stefan aber Mitte 2004 seine Rückkehr in heimische
Gefilde angekündigt hatte, war recht schnell klar, dass er
wieder als Sänger und Songwriter mitmachen
würde.
Björn:
Welche Impulse konnte Stefan
euch nach seiner Rückkehr
geben?
Martin:
Stefan ist ja schon immer der
Haupt-Songwriter gewesen, daher sind auch die neuen Songs
überwiegend aus seiner Feder. Der Unterschied zu früher ist
nun, dass die jetzigen Musiker die Songs, die auch um einiges
anspruchsvoller sind als früher, spielerisch problemlos
einspielen konnten und live umsetzen
können.
Björn:
Gut, damit wären wir bei der
neuen Platte. Meiner Meinung nach besinnt ihr euch wieder
vermehrt auf alte Stärken und habt wieder viel mehr rockige
Elemente in euren Sound eingefügt. Ein bewusster
Schritt?
Martin:
Ja, wir wollten wieder ein
wenig von den etwas sanfteren Klängen weg, die bei der "Astral
Adventures" ein Mitgrund für weniger gute Kritiken waren, und
wir wollten es wieder ordentlich krachen lassen. Wie du ja
angesprochen hast, haben vor allem die Fans der frühen Tage
die härtere Gangart vermisst, und so wollten wir davon wieder
mehr in unsere Musik bringen. Dennoch haben wir viel mit
Elektronik experimentiert, und denken wir, dass "Ultimate
Darkness" die beiden Komponenten ganz gut kombiniert. "The
best of both worlds" sozusagen.
Björn:
Zudem
scheint die Platte ernster zu sein als man das gewohnt ist,
vor allem, was den Inhalt der Texte anbelangt. Kannst du das
bestätigen?
Martin:
Wir haben uns eigentlich
immer das Ziel gesetzt, mit unseren Texten etwas auszusagen.
Die letzte CD "Astral Adventures" war, wie der Name schon
sagt, eher auf die Meta-Ebene bezogen, es ging da eher um
übersinnliche Phänomene, Seelenwelten oder Nahtoderfahrungen.
Das sind auch ernste Themen, aber auf "Ultimate Darkness" sind
wir wieder etwas konkreter
geworden.
Björn:
Wovon handeln denn die Texte
auf "Ultimate Darkness"?
Martin:
Textlich
geht es um alles, was mit dem Thema Dunkelheit im realen Sinne
zu tun hat. Also nicht abstrakte Themen wie Mythen usw.,
sondern um all die Dinge, die jeder Mensch in seinem Alltag
wegstecken muss. Zerbrochene Beziehungen, Werteverlust in
unserer westlichen Gesellschaft, dazu deren Oberflächlichkeit,
menschliche Schwächen wie Egoismus, Engstirnigkeit, Zerstörung
der Natur usw.
Der Grund liegt darin, dass wir ein sehr
enges Verhältnis zu unseren Fans haben und wir sie direkt
ansprechen möchten, bzw. wir es als unsere Aufgabe ansehen,
das Album so zu gestalten, dass sich der Fan in ihm
widerspiegelt. Oder sogar Mut findet und sagt: "die singen
über genau das, was mich auch aufregt oder verletzt". Wir
verpacken klare Aussagen in einem leicht poetischen Gewand, um
die für Gothic Metal nicht unwichtige Ästhetik nicht außen vor
zu lassen.
Björn:
Und woher stammt dieser
pessimistische Albumtitel? Was meint ihr mit ultimativer
Dunkelheit?
Martin:
In einem Satz: "Ultimate
Darkness" ist für uns der allgemeine Werteverlust, der zu den
Dingen führt, die ich gerade gesagt habe. Die Schlangen auf
dem CD-Cover stellen dabei die Versuchung dar, die uns immer
wieder zu diesem Wertverlust
verleitet.
Björn:
Welchen Rang nimmt denn
"Ultimate Darkness" in der Geschichte von DARKSEED
ein?
Martin:
"Ultimate Darkness" ist wie ein
Neuanfang für DARKSEED, in einer neuen Besetzung und nach
Stefans Auszeit. Vom Namen her wollen wir aber auch ein wenig
an unsere vorletzte CD "Diving Into Darkness" anspielen, die
2000 erschienen ist und die bislang erfolgreichste DARKSEED-CD
war. Daran wollen wir anknüpfen.
Björn:
Für
den Release habt ihr euch was ganz Besonderes einfallen
lassen, denn es wird in der limitierten Auflage eine Bonus-CD
mit elf bisher unveröffentlichten Tracks geben. Woher stammt
diese Idee?
Martin:
Unsere Plattenfirma
Massacre Records kam mit der Idee auf uns zu. Über die Jahre
haben sich einige Songs angesammelt, die wir während den
verschiedenen Recordingsessions aufgenommen haben, die es aber
dann nicht auf die jeweiligen CDs geschafft haben. Meist, weil
die Songs musikalisch nicht so stark waren, oder weil es eher
Aufnahmen waren, die wir "just for fun" gemacht haben und nie
für eine Veröffentlichung bestimmt waren. Als Schmankerl für
die Fans wollte Massacre die Songs dann jetzt zur neuen CD
dazugeben. Wir waren zunächst sehr skepitsch, weil du als
Musiker deine Songs natürlich extrem kritisch betrachtest. Die
Songs sind ja nicht umsonst auf keiner Platte erschienen und
jetzt sollen wir sie doch veröffentlichen. Nach reiflicher
Überlegung, und weil unsere Fans sich sehr auf die alten
DARKSEED-Songs gefreut haben, nachdem sie die Idee spitz
gekriegt hatten, haben wir der Sache unseren Segen gegeben.
Manchmal muss man eben über seinen Schatten springen.
Hauptsache, die Fans freuen sich!
Björn:
Und
aus welcher Zeit sind die Songs?
Martin:
Die
Aufnahmen sind zwischen 1996 und 2004 entstanden, während den
Recordings zu den verschiedenen
Alben.
Björn:
Was hältst du persönlich von
solchen Bonus-Beilagen?
Martin:
Ich finde das
gut, das ist mehr "value for money". Es wird immer
schwieriger, den Käufern zu vermitteln, warum sie 15,- Euro
oder mehr für eine CD ausgeben sollen, die sie im Internet
zwar illegal, aber dafür umsonst bekommen. Bonus-Beilagen
geben den Leuten das Gefühl, wirklich was für ihr Geld zu
bekommen. Wir gehen noch einen Schritt weiter und bieten
unseren Fans als besonderen Service handsignierte CDs mit
persönlicher Widmung über unseren eigenen ebay-Fanshop an. Das
kannst du dir nicht runterladen!
Björn:
Ihr
seid ja in der Vergangenheit schon öfter auf Tour gewesen und
habt auch diverse Festivals beackert. Was können wir
diesbezüglich 2005 erwarten?
Martin:
Wir
haben mit Extratours eine der besten Konzertagenturen für
unseren Stil als Partner gewinnen können, und derzeit laufen
die Vorbereitungen für Konzerte in ganz Deutschland. Wie es
international mit Auftritten aussieht, wissen wir noch nicht,
da warten wir mal die Reaktionen nach den ersten Konzerten ab.
Auf alle Fälle wollen wir so oft wie es geht auf die
Bühne!
Björn:
Gibt es sonst noch irgendwelche
Pläne für das anstehende Jahr?
Martin:
Bis
jetzt steht die Promotion der aktuellen CD auf dem Programm,
das heißt wir wollen möglichst viel live spielen, was
entsprechend Zeit und Energie beansprucht. Das ist eigentlich
das Hauptziel für dieses Jahr.
Björn:
Zwischen den letzten Alben hat es
jeweils eine längere Pause gegeben. Wie lange müssen die Fans
denn auf den Nachfolger zu "Ultimate Darkness"
warten?
Martin:
Wir haben noch keine Pläne
für das Nachfolgealbum von "Ultimate Darkness". Ich denke, wir
werden wohl Anfang 2006 anfangen, über eine neue CD
nachzudenken und Songs zu
schreiben.
Björn:
Und wie lange müssen wir
noch warten, bis DARKSEED in einem Atemzug mit MOONSPELL und
PARADISE LOST genannt werden?
Martin:
Das
kommt auf deinen Atem an (lacht). Ich denke, mit "Ultimate
Darkness" haben wir gute Chancen, bei den Leuten weiter ins
Bewusstsein zu gelangen und mehr Fans zu gewinnen. Alles
Weitere wird die Zeit zeigen. Wenn jetzt noch ein wenig Glück
dazukommt, wer weiß?
Björn:
Any last
words?
Martin:
Seid nett zueinander und liebt
die Natur!





